Die Ereignisse vor dem Einmarsch der alliierten Truppen in Alfeld

Klaus Schäfer und Jörg Asche


Am 8. April 1945 besetzten die amerikanischen Truppen die Stadt Alfeld. Zuvor gab es zwischen den amtierenden Funktionären in der Stadt ein tagelanges Ringen. Der Bürgermeister Dr. Siegmund wollte eine kampflose Übergabe der Stadt erreichen, um ein eine Zerstörung durch einen Bombenangriff der Alliierten zu vermeiden. Die örtlichen Kommandeure hatten den Auftrag die Stadt zu verteidigen und die Fabrikanlagen zu zerstören. Zu diesen Zeitpunkt befanden sich ca. 11 000 Menschen in Alfeld, darunter ca. 1000 Zwangsarbeiter, ein Camp mit ca. 200 Hitlerjungen sowie das 500 Mann starke SS-Panzergrenadier-Bataillon „Leon Degrelle“. Von diesem Bataillon und dem Bannführer der Hitlerjungend Ernst-August Pöthe ging die größte Bedrohung aus. Der Bürgermeister Dr. Siegmund schilderte die Ereignisse in der Woche vor dem Einrücken der Amerikaner:
Am Karfreitag gegen 05:00 Uhr erschien der Obersturmbannführer Schulz in seiner Wohnung und setzte ihn über Maßnahmen in Kenntnis, die er in den folgenden Tagen durchführen müsse. Gegen die vorrückenden amerikanischen Truppen sollte die Sicherung der Straßen nach Holzminden und Hameln erfolgen. Dr. Siegmund verweigerte die Zusammenarbeit und setzte sich für eine kampflose Übergabe der Stadt ein. Die Position des Bürgermeisters wurde auch vom Kreisleiter der NSDAP, Kurt Koch und von dem zuständigen Kampfkommandanten für den Kreis Alfeld, Oberst Helmut Brussatis, unterstützt. Dennoch drängte der Standartenführer der SS in den nächsten Tagen weiterhin auf die Vorbereitung von Verteidigungsmaßnahmen. Am 3. April erschienen zudem zwei Offiziere eines Pionierstabes und erklärten den Bürgermeister, dass die den Befehl zur Sprengung der Leinebrücke und zur Zerstörung der Fabriken hätten. Dr. Siegmund sprach mit dem zuständigen Kommandanten der Pioniereinheit und konnte zunächst einen Aufschub dieser Maßnahmen erreichen.. Am 5. April teilte Obersturmbannführer Schulze dem Bürgermeister mit, dass sein Bataillon abrücken würde. Eine kampflose Übergabe der Stadt schien somit endlich möglich. Auf einer Besprechung am 6. April 1945 betonte auch der NS-Kreisleiter, dass eine Verteidigung der Stadt sinnlos sei. Eine Gefahr drohte nun aber plötzlich vom Bannführer der Hitlerjugend. Dieser ließ am 6. April 1945 die 15- 19jährigen Hitlerjungen antreten und bildete eine 30köpfige Panzerjagdeinheit. Diese wurde mit Panzerfäusten ausgestattet. Die bewaffnete HJ marschierte von ihrem Camp in der Badeanstalt zum Alfelder Marktplatz. Hier agitierte Bannführer Pöthe nochmals und erklärte das Alfeld bis zum letzten Atemzug verteidigt werden müsse. Eine kleine Gruppe der HJ rückte am 7. April mit Pöthe zur Limmerburg aus, um dort die amerikanischen Panzerspitzen anzugreifen. Am gleichen Tag erschoss Pöthe den Bürgermeister von Everode, der die HJ-Einheit an der Verteidigung der Ortschaft hindern wollte. Dr. Siegmund wollte das fatale Verteidigungsvorhaben des Bannführers verhindern. Er schickte zwei Polizisten zu Pöthe, um ihn zu stoppen. Dieser war außer sich, als er von der geplanten Kapitulation Alfelds hörte. Die Hitlerjungen und die Polizisten standen sich mit gezückten Waffen gegenüber. Dann ließ er seine HJ-Gruppe abrücken und nach Alfeld marschieren. Dort betrat er wütend das Zimmer des Bürgermeisters und bedrohte ihn mit gezogener Waffe. Dr. Siegmund gelang es auf Pöthe einzuwirken. Er überredet ihn, den HJ-Sturm aufzulösen und Alfeld zu verlassen. Am 8. April 1945 rückten die amerikanischen Truppen dann kampflos in Alfeld ein.


Quellen:

Bericht vom Dr. Siegmund von Dezember 1945
Alfelder Zeitung, 8.4.1995- „Widerstand hätte die Vernichtung der Stadt bedeutet“ von Bernd Hoffmann