Helene Baruch geb. Dammann

Text: Christina Prauss

10. September 1891 Bad Salzdetfurth – 29. Januar 1943 Auschwitz

Familie Dammann hatte in Bad Salzdetfurth in der Unterstraße 64 ein Geschäft für Manufakturwaren und Stoffe, die noch vom Ballen verkauft worden sind. Das Wohn- und Geschäftshaus ist bis heute unverändert erhalten geblieben. Kaufmann Hermann Dammann, um 1850 in Gronau bei Hannover geboren, war ein angesehener Geschäftsmann und Bürger, der sogar Ratsherr der Stadt gewesen war. Er war mit Bertha, einer geborenen Dammann verheiratet, mit der er sieben Kinder hatte. 1934 starb er im hohen Alter von 83 Jahren in Bad Salzdetfurth. Sein 1883 erstgeborener Sohn Manfred starb als Kind, Otto war mit Margarete Damman geb. Güdemann aus Hildesheim verheiratet, der ebenfalls ein Stolperstein gewidmet ist.

Älteste Tochter war die am 6. Oktober 1881 geborene Karoline. Margarete Dammann kam am 1. Juli 1886 zur Welt und war die Frau von Alfred Friedmann aus Bad Kissingen. Nach seinem Tod kehrte sie nach Bad Salzdetfurth zurück, wo sie noch in der Reichspogromnacht erleben musste, wie die Fensterscheiben des Hauses zertrümmert wurden. Sie wurde 1942 in das Ghetto Krasnystaw bei Lublin verschleppt und ermordet. Hans Dammann, am 7. Juli 1902 geboren und wohl über die mütterliche Seite naher Verwandter, lebte im Haus und wurde nach den Novemberpogromen in das Konzentrationslager Sachsenhausen nördlich von Berlin verschleppt und dort am 7. Dezember 1938 ermordet. Söhne der Familie haben im Kaliwerk Salzdetfurth gearbeitet. Nachdem die Angehörigen gestorben oder weggezogen waren und später versuchten sich durch Flucht zu retten, soll Frieda Dammann als letzte in der Unterstraße in Bad Salzdetfurth gewohnt haben.

Helenes Schwester Ella gründete mit Isidor van Wien aus Varel eine Familie und zog in Oldenburg die Kinder Berta und Regina, 1911 und 1912 geboren, groß. Ella und Isidor van Wien flohen nach Amsterdam, entkamen aber nicht. Am 18. Dezember 1942 nach Westerbork und am 18. Mai 1943 nach Sobibor deportiert, wurden sie dort am 21. Mai 1943 ermordet. Ida, Helenes jüngste Schwester, heiratete in die große Familie Steinburg aus Haselünne bei Osnabrück ein; sie wurde ebenfalls deportiert und fand im Konzentrationslager Stutthof den Tod.

Helene Dammann, am 10. September 1891 in Bad Salzdetfurth geboren, war offenbar die begabteste Tochter, die als einzige eine höhere Schulbildung genoss. 1908 konnte sie die Töchterschule erfolgreich mit der Prima absolvieren. 1920 wurde sie mit 29 Jahren als Hausdame von dem am 25. November 1860 geborenen Bochumer Textilkaufmann Hermann Baruch eingestellt. Seine erste Frau Paula van Geldern, mit der er zwei Töchter hatte, starb 1917. Er hatte in Bochum ein Kaufhaus für Modewaren gegründet und es zu Wohlstand und großem Ansehen in der Stadt, der Bochumer Kaufmannschaft und der Jüdischen Gemeinde gebracht. Als Patriot hängte er bei Siegen im Ersten Weltkrieg die Fahne heraus. Helene wohnte mit ihm in einer großen, komfortablen Wohnung in der Franzstraße 11 und heiratete wenig später den um 30 Jahre älteren Mann.

Wie alle Juden hatte Hermann Baruch 1939 eine Vermögenserklärung abzugeben, die ihn als recht wohlhabend ausweist. Sein Vermögen wurde nach Abzug der Judenvermögensabgabe, Reichsfluchtsteuer und anderer Abgaben auf einem Sperrkonto verwaltet und ihm nur ein geringer monatlicher Betrag für seinen Bedarf ausgezahlt. Einige Wochen vor ihrer Deportation musste das Paar die Wohnung verlassen und in eine kleine Dachkammer in die Kortumstraße 35 ziehen. Von Dortmund aus brachte man sie am 29. Juli 1942 nach Theresienstadt, wo Hermann Baruch mit fast 82 Jahren an Entkräftung starb. Helene wurde am 29. Januar 1943 weiter nach Auschwitz deportiert. Dort fand sie mit 52 Jahren den Tod.


Quelle:

Christina Prauss, Verfolgt, ermordet - unvergessen, Gerstenberg-Verlag Hildesheim 2012

Belege:

– Wilhelm Tesdorpf, Festschrift zur Feier des 50jährigen Bestehens der Städtischen Höheren Töchterschule, Hildesheim 1908, S. 71 u. 145

– Yad Vashem

– Gedenkbuch

– Adreßbuch Hildesheim Stadt und Land 1927

– Kreisarchiv Hildesheim

– Auskunft J. Martin, Kamp Westerbork

– Auskunft Johanna Kühne, Bad Salzdetfurth

Hubert Schneiider, Die Entjudung des Wohnraums - Judenhäuser in Bochum, München 2010, S. 306

Haus Dammann -

Bad Salzdetfurth

Unterstraße 64