Friedrich Mennecke Mediziner in der NS-Zeit     

Text: Thomas Butchereit

Friedrich Wilhelm Heinrich Mennecke geboren am 6. Oktober 1904 in Groß Freden war ein deutscher Mediziner, der sich in der Zeit des Nationalsozialismus an den Euthanasiemorde beteiligte. Er besuchte 1911-1914 die Volksschule in Groß Freden, ab 1914 das Realgymnasium in Alfeld und wechselte 1920 zum Realgymnasium Einbeck, wo er 1923 mit dem Abitur abschloss. Nach dem Abitur absolvierte er eine einjährige Kaufmannslehre bei der Deutschen Spiegelglas AG in Freden. Dort arbeitete er anschließend als Exportkaufmann. Im Oktober 1927 konnte Mennecke ein Medizinstudium an der Universität Göttingen aufnehmen. 1934 schloss er dieser Studium ab und arbeitete zunächst in zwei Kliniken in Göttingen. Hier lernte Mennecke seine spätere Ehefrau Eva Wehlan kennen, sie heirateten am 4. Juni 1937. Die Ehe blieb kinderlos. Am 28. März 1932 trat Mennecke der NSDAP und am 1. Mai 1932 in die SS ein. Einige Jahre später wurde er Arzt in der Landesheilanstalt Eichberg bei Eltville am Rhein. Am 22. Januar 1938 wurde Mennecke Oberarzt der Landesheilanstalt, die er schon seit Anfang 1938 kommissarisch leitete. Ein Jahr später wurde er Chefarzt und offiziell zum Direktor der Anstalt ernannt.

In der Zeit zwischen Februar 1937 und Oktober 1940 wurde er in der SS und der NSDAP befördert. Im Februar 1940 nahm er mit acht bis zehn Ärzten an einem von Viktor Brack (von der Kanzlei des Führers) geführten Treffen teil. Hier teilte Brack den Anwesenden mit, dass durch einen „Führerbefehl“ die Tötung von „lebensunwerten Leben“ beschlossen sei und Gutachter für diese Aktion T4 gesucht würden. Mennecke wie auch alle anderen anwesenden Ärzte stimmten einer Teilnahme zu.

Menneckes Aufgabe als sogenannter „Gutachter“ bestand darin, anhand einer von der Anstalt des Kranken ausgefüllten Meldebogens (1) über die Auswahl der zu tötenden Patienten zu entscheiden. In einem gerahmten Kasten trug er ein „+“ ein, wenn der Patient getötet werden sollte ein „-„ stand für das Weiterleben des Kranken. Möglich war auch ein „?“ für eine fragliche Entscheidung. Die endgültige Entscheidung traf ein „Obergutachter“ anhand von drei solcher Gutachten. Die Meldebogen wurden von der Berliner Zentrale „Aktion T4“ per Post zugesandt und von Mennecke in „Heimarbeit“ neben seiner Tätigkeit als Anstaltsdirektor des Eichbergs bearbeitet. Nach eigenen Angaben fertigte er etwa 7.000 „Gutachten“ an; dabei will er etwa 2.500 Patienten zur Tötung vorgeschlagen haben2). Parallel zu seinen Tätigkeiten als „Gutachter“ war er Mitglied von Ärztekommissionen, die vor Ort in den Anstalten (in Deutschland und Österreich) Meldebögen ausfüllten oder überprüften.

Menneckes eigene Anstalt Eichberg wurde  als Zwischenanstalt für die 70 km entfernte Tötungsanstalt Hadamar genutzt, in die der Patient zunächst nur verlegt wurde, um den wahren Zweck der Krankentransporte zu verschleiern. Zwischen Januar und August 1941 wurden dabei 784 Patienten vom Eichberg und weitere 1.487 Kranke aus der dortigen Zwischenanstalt nach Hadamar verlegt und dort getötet (3). Nach eigenen Angaben hat Mennecke einmal den Tod der Kranken in der Gaskammer durch ein kleines Fenster in der Klinik Hadamar beobachtet (4).

Unter den Begriff „Aktion 14f13“ auch „Sonderbehandlung 14f13“ genannt wurde die „Aktion T4“ wahrscheinlich Ende März 1941 auf Häftlinge der Konzentrationslager ausgedehnt. Ärzte der „Aktion T4“ selektierten in den Konzentrationslagern Häftlinge, die anschließend in den Tötungsanstalten vergast wurden. Friedrich Mennecke war hierbei an den ersten bekannten Selektionen im KZ Sachsenhausen beteiligt. Insbesondere im Winter 1941/1942 war die „Begutachtung“ von KZ-Häftlingen ein Schwerpunkt seiner Arbeit. Nach eigenen Angaben war er in den Konzentrationslagern Dachau, Buchenwald, Auschwitz, Ravensbrück, Neuengamme und Groß Rosen tätig (5).

Mennecke war außerdem mit seinem Eichberger Stellvertreter und Oberarzt Walter Schmidt an der von der Kanzlei des Führers betriebenen Aktion mit der Tarnbezeichnung „Reichsausschuss zur wissenschaftlichen Erfassung von Erb- und – Anlage bedingten schweren Leiden“ beteiligt. Hierbei wurden Kinder die mit einer Behinderung geboren wurden getötet. Die Ermordung der Kinder erfolgte nach einer Beobachtungszeit, sobald eine „Behandlungsermächtigung“ des Reichsausschusses aus Berlin vorlag. Mennecke wickelte den Schriftverkehr mit dem „Reichsausschuss“ ab und besprach die Tötung mit seinem Oberarzt Schmidt, soweit er im Hause verweilte6). Bis Kriegsende starben in der Anstalt Eichberg 430 Kinder unter zehn Jahren (7).

1943 wurde Mennecke als Truppenarzt einberufen. Während seiner Einsätze erkrankte er an TBC. Nach Kriegsende befand sich Mennecke bis Juni 1945 in französischer Gefangenschaft in Württemberg und zog dann nach einem Aufenthalt im Allgäu im Herbst 1945 in die Nähe seiner Mutter nach Freden und Moringen. Hier konnte er zunächst unerkannt mit seiner Frau zusammenleben. Mennecke wurde im März oder April 1946 verhaftet. In Vernehmungen gab er zunächst an, er habe keine Kenntnisse vom wahren Zweck seiner Gutachtertätigkeit für die „Aktion T4“ gehabt. Er erklärt dann jedoch am 2. November 1946:

Nachdem ich nun in den langen Monaten der Untersuchungshaft in der Stille meiner Zelle über alles reiflich nachgedacht und auch genügend inneren Abstand von den Vorgängen als solchen gewonnen habe, drängt sich mir das Bedürfnis auf, zu erklären, dass ich schon im Jahre 1940 den wahren Sinn der „planwirtschaftlichen Arbeit“8) erfuhr9).

Das Landgericht Frankfurt verhandelte ab dem 2. Dezember 1946 im Eichberg Prozess gegen Friedrich Mennecke, gegen den Oberarzt Walter Eugen Schmidt sowie gegen vier Pflegekräfte. Mennecke wurde am 21. Dezember 1946 „wegen Mordes in einer unbestimmten Anzahl von Fällen zum Tode“ verurteilt, da er „ an der Massentötung des sogenannten Euthanasieprogramms des Nationalsozialismus als Mittäter teilgenommen“ habe.10) Mennecke legte Revision ein.

Am 16. Und 17. Januar 1947 sagte Mennecke als Zeuge im Nürnberger Ärzteprozess (11) aus. Dabei belastete er den dort angeklagten Viktor Brack schwer. Friedrich Mennecke der sich in Nürnberg als „schwerkranken Patienten“, als „ körperlich außerordentlich schwach und kraftlos“ (12) bezeichnete, starb am 28. Januar 1947 in einer Zelle des Zuchthauses Butzbach noch bevor das Todesurteil gegen ihn Rechtskraft erlangt hatte. Als mögliche Todesursache gilt ein schlechter Allgemeinzustand infolge der Tuberkulose. Ein Suizid wird nicht ausgeschlossen da Mennecke zwei Tage zuvor von seiner Frau besucht worden ist. (13)


Quelle:

Peter Chroust (Bearb.): Friedrich Mennecke Innenansichten eines medizinischen Täters im Nationalsozialismus Eine Edition seiner Briefe 1935-1947. (2 Bände) 2. Auflage, Hamburger Institut für Sozialforschung Hamburg 1988

Anmerkungen:

1) Meldebogen im Faksmile (http:lpb-bw.de/publikationeneuthana/euthana34.htm) bei der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg (M16)

2) Urteil des Landgerichts Frankfurt Main vom 21 Dezember 1946 (4 Kls 15/46), in: Justiz und NS-Verbrechen Seite 144. Siehe auch: Peter Sandner Verwaltung Seite 454

3) Zeugenaussage Mennecke am 3. Dezember 1946, zitiert in Heyde-Anklage, Seite 168f. Siehe auch: Peter Sandner Verwaltung Seite 409f.

4) Urteil des Landgerichts Frankfurt Main vom 21 Dezember 1946 (4 Kls 15/46), in: Justiz und NS-Verbrechen Seite 139. Siehe auch: Peter Sandner Verwaltung Seite 468

5) Aussage Menneckes im Nürnberger Ärzteprozess am 17. Januar 1941 in: Klaus Dörner (Hrsg): Der Nürnberger Ärzteprozess 1946/47.Wortprotokolle Anklage- und Verteidigungsmaterial Quellen zum Umfeld München 1999

6) Urteil des Landgerichts Frankfurt Main vom 21 Dezember 1946 (4 Kls 15/46), in: Justiz und NS-Verbrechen Seite 146

7) Hans Faulstich Hungersterben in der Psychiatrie 1914-1949. Mit einer Topographie der NS-Psychiatrie Lambertus Verlag, Freiburg im Breisgau 1998.

8) „Planwirtschaftliche Arbeit“ ist ein Begriff aus der Tarnsprache der Täter, mit der auch die Verlegung der Patienten in die Tötungsanstalten begründet wurde. Hierzu Peter Sander Verwaltung Seite 380

9) Schreiben Menneckes vom 2. November 1946 zitiert in Heyde-Anklage, Seite 167

10) Urteil des Landgerichts Frankfurt Main vom 21 Dezember 1946 (4 Kls 15/46), in: Justiz und NS-Verbrechen Seite 135

11) Protokoll der Aussage Klaus Dörner. Ärzteprozess Seite 2/1869-2/1945.

12) Klaus Dörner. Ärzteprozess Seite 2/1870

13) Peter Chroust Innenansichten Seite 8f.

Friedrich Mennecke