Goethegymnasium Hildesheim
vormals Staatliche Goetheschule, Modell einer Frauenoberschule

von Christina Prauss

Als erste öffentliche Höhere Mädchenschule in Hildesheim war die 1858 gegründete Städtische Höhere Töchterschule seit ihren Anfängen eine zukunftsweisende Schule gewesen, solide, ambitioniert, nach einigen Jahren von hohem fachlichen Anspruch. Gefördert wurde sie von, weitsichtigen Bürgern und den Bürgermeistern Friedrich Boysen und Dr. Gustav Struckmann sowie von Schuldirektor Dr. Wilhelm Tesdorpf, der beim Festakt zum Schuljubiläum 1908 Immanuel Kant, den Patron der Aufklärung, frei zitierte: Die Höhere Töchterschule stehe keinesfalls für eine „Treibhauskultur emanzipierter Blaustrümpfe, sondern kräftige Persönlichkeiten sollten in der Frauenwelt herangebildet werden zum Wohle der Menschheit.“
Die Töchterschule stand für die Emanzipation der Frauen und mit ihrem überproportionalen Anteil an jüdischen Schülerinnen auch für die Emanzipation der Juden in der Kaiserzeit. Besonders bestürzend ist es deshalb, dass so viele ehemalige Schülerinnen, oft aus alten jüdischen Familien Hildesheims stammend, unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft deportiert und ermordet wurden. Viele von ihnen waren hochbetagt, Ilse Rosenthal dagegen gerade zwanzig Jahre alt. Um ihrer zu gedenken, wurden 2010 und 2012 Stolpersteine vor dem Schulgebäude des heutigen Goethegymnasiums verlegt.
Ostern 1922 ging aus der Töchterschule die Staatliche Goetheschule hervor, an der zum ersten Mal 1925 zwei Schülerinnen das Abitur erwarben. Seitdem legte ein Teil der Schülerinnen die allgemeine Hochschulreife ab, durchaus um ein akademisches Studium wie Medizin oder Jurisprudenz aufzunehmen. An der 1922 dafür eingerichteten gymnasialen Oberstufe, Studienanstalt genannt, unterrichtete Amalie Loewenberg, eine ehemalige Schülerin und 1917 erste jüdische Studienrätin in Hildesheim, Latein und Französisch. Die meisten Schülerinnen aber absolvierten die Frauenoberschule, an der mit der Reformbewegung Sport, eine freundliche Pädagogik, das kunstgewerbliche Gestalten aller Lebensbereiche, Textilarbeiten, Theaterspielen und Kulissenbauen so wie klassische Musik sehr große Bedeutung gewannen. Die öffentlichen Konzerte der Musiklehrerin Margarete van Biema, die jüdischer Herkunft war, waren legendär.
Über Hildesheims Grenzen hinaus bekannt war auch das Kindergärtnerinnenseminar der Goetheschule mit eigenem Kinderchor und Lehrkindergarten. Dort wurde gesungen, gebastelt, gemalt, geturnt und getanzt. Die Goetheschülerin Hilde Davidson hatte nach ihrer Flucht aus Hildesheim am Aufbau des Kindergartens der berühmten Pestalozzi-Schule, die 1934 von und für Emigranten in Buenos Aires, Argentinien, gegründet worden war, mitwirken können. So bot die Goetheschule eine vielseitige Grundbildung für pädagogische und gestalterische Berufe. Im letzten Jahr der Weimarer Republik kam Ostern 1932 Elisabeth Staiger als Oberstudiendirektorin mit den Fächern Mathematik, Physik und Musik an die Goetheschule. Sie war die Tochter des renommierten Mathematikprofessors Felix Klein, der die Didaktik der Mathematik wesentlich reformiert und schon früh das Frauenstudium in Göttingen gefördert hatte.
Sichtbarer Auftakt der nationalsozialistischen Umgestaltung der Goetheschule war ihr 75jähriges Jubiläum im September 1933. Nach den Boykotten jüdischer Geschäfte im April, dem Terror der SA auf den Straßen und den „Säuberungen“ der Behörden übereichte nun bei den Feierlichkeiten die Kreisleiterin der NS-Frauenschaft eine Hakenkreuzfahne und der Magistrat eine Spende für den „Ausbau der Bücherei nach nationalpolitischer Seite“; gemeint waren Bücher zu Rassenlehre und Germanenkult.
Statt eines Konzerts unter der musikalischen Leitung von Margarete van Biema, die wegen ihrer jüdischen Herkunft bereits entlassen worden war, präsentierten Schülerinnen, die den neuen Geist begriffen hatten, Lieder mit solchen Texten: „Nur die Frauenoberschule bringt dem Mädchen wahres Heil … Ja, Hausfrauen wollen wir werden … Heft und Buch und Scheuertuch … Und wie man wäscht und bügelt, stopft und flickt“. Unter dem Eindruck von Einschüchterung und Gewalt hielt Elisabeth Staiger eine tapfere Rede. Sie unterschied sich fundamental von der nationalsozialistischen Ideologie des „Frauenschaffens“, die das Wirtschaften im Haus und Kinder zu gebären verlangte. Staiger dagegen sagte:
„Wir laden eine Schuld auf uns, wenn wir unseren Mädchen einseitig nur die Ehe, die glückliche, kinderreiche Ehe als Lebensbild vor Augen stellen und es versäumen, ihnen Werte zu vermitteln, die die Kraft geben, das Leben kämpfend zu meistern in jedem Fall. Denn diese Mädchen werden ihr Schicksal haben wie jede Frauengeneration vor ihnen: viele, so hoffen wir, das Schicksal der glücklichen, alle Kräfte einsetzenden Gattin und Mutter; viele, so fürchten wir, das Schicksal der Ehelosigkeit, der Kinderlosigkeit, der Witwenschaft, der durch Not und Krankheit, Schwäche und Sünde zersetzten Ehe, in der die Frau allein ihr Leben und das der Kinder in die Hand nehmen muß. Machen wir unsere Mädchen wehrhaft im Kampf gegen jedes Schicksal, indem wir ihnen helfen, Persönlichkeiten zu werden durch Ausbildung und Anspannung aller ihrer von Gott gegebenen Kräfte, jede gemäß ihrer Anlagen.“ Elisabeth Staiger wollte „einer Stimmung begegnen, die man jetzt häufig bei Eltern und auch bei Schülerinnen antrifft. Es ist eine Stimmung, die wohl aus der allgemeinen Berufsnot herrührt, aus der vermeintlichen oder wirklichen Notwendigkeit, Frauen aus den Berufen zu drängen, um heiratsfähigen Männern einen Arbeitsplatz zu schaffen.
Zwei Tage später wurde Elisabeth Staiger entlassen, wahrscheinlich auch weil sie mit der Kündigung der jüdischen Kolleginnen Loewenberg und van Biema nicht einverstanden war, wie der Mathematiker Richard Courant in seinen Lebenserinnerungen berichtet. Kurz nach der „Machtergreifung“ war die Oberin der Frauenoberschule Else Meyer zum 1. April 1933 kommissarische Schulrätin in Hannover geworden und ein Jahr später, im April 1934, Elisabeth Staigers Nachfolgerin im Amt. In den Wochen des Umbruchs im ersten Halbjahr 1933 wurde die Frauenoberschule zu einer von fünf „Versuchsschulen“ in Preußen erklärt, und zwar nach einem Erlass des Preußischen Ministers für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung, des späteren Reichsministers Bernhard Rust, der aus Hannover kam.
Der sorgfältig ausgearbeiteten „Entwurf eines Lehrplans und einer Stundentafel einer sechsjährigen Frauenoberschule, aufgestellt von der Staatlichen Goetheschule in Hildesheim“ bezieht sich auf diese Modellfrauenschule, nennt aber namentlich keinen Verfasser. Dem Programm nach sollte in enger Zusammenarbeit mit dem Bund Deutscher Mädel, dem BDM, für den man allein vier Wochenstunden im Stundenplan vorsah, die Frauenoberschule der nationalsozialistischen Ideologie unterworfen werden. Ziel war die „rasse- und volksbewusste Deutsche, die in mütterlicher Hingabe an Familie, Volk und Vaterland Trägerin, Hüterin und Förderin deutschen Lebens sein soll“. Aufgabe sei es, dass sie „alle körperlichen, geistig-seelischen wie praktisch-technischen und pflegerisch-gestaltenden Kräfte der Mädchen durch Werk, Dienst und Besinnung schult und sie durch Erarbeitung wertvollen Bildungsgutes tiefer im Verantwortungsbewusstsein vor Volk und Gott zu verwurzeln strebt.“ Gerade von solchen Vorstellungen hatte sich Elisabeth Staiger in ihrer furchtlosen Rede distanziert. Sie kann also den Entwurf nicht verantwortet haben. Dieser detaillierte Lehrplan von 1933 wurde zum großen Teil an der Goetheschule realisiert.
Ab dem Schuljahr 1937/38 wurde die Goetheschule zur Staatlichen Oberschule für Mädchen, an der nach zwölf Schuljahren das Abitur entweder im Sprachlichen oder Hauswirtschaftlichen Zweig, an dem die Fächer Kochen und Gartenarbeit an die erste Stelle traten, erworben werden konnte. Im abschließenden Schuljahr sollte laut „Entwurf“ folgendes Klassenziel erreicht werden: „Das Leiten der großen Wäsche, der Arbeit an den Tagen des Gross-Reinemachens von Wohnräumen und Küche, Gardinen aufstecken usw.“ Unter dem Fach Werken und Gestalten verstand man nun einfache Handarbeiten. Leibesübungen dienten der „gründlichen Durcharbeitung des Körpers der Mädchen zu gesunden Frauen und Müttern.“ Das Latinum, ohne das kein Studium möglich war, fehlte von nun an ganz, und in den hauswirtschaftlichen Klassen das Fach Französisch. Mathematik sollte mit gekürztem Stundenkontingent erteilt, aber um hauswirtschaftliches Rechnen erweitert werden. Tatsächlich war im Gegensatz zur jüdischen, von deutscher Mathematik die Rede. Physik trat ebenfalls zurück, dafür sollte Biologie als Rassenkunde verstärkt in allen Klassenstufen gelehrt werden.
Geschichte, Erdkunde und Deutsch wurden als „Deutschkunde“ zusammengefasst; es sollten „Kenntnisse“ über Volkslieder und Volkstänze, das „Bauerntum“, die „nordische Rasse“ und „Heimatdichtung“ vermittelt werden. „Die Einführung der neuen Arbeitsgebiete Erblehre, Rassenkunde und Bevölkerungspolitik ergaben weitere einschneidende Veränderungen.“ Schon im zweiten Schulhalbjahr 1933/34 bot die aus Dithmarschen stammende Else Meyer die Arbeitsgemeinschaft „Der niederdeutsche Mensch“ an, eine völkische Blut und Boden-Betrachtung. Ebenso hielt die Hauswirtschaftslehrerin Kurse zu „Nietzsches Zarathustra“ ab. In der Schrift „Also sprach Zarathustra“ von Friedrich Nietzsche sah die „Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe“, initiiert von Heinrich Himmler, den Entstehungsmythos des „arischen Übermenschen“.
Im Fach Deutsch wurde an der Goetheschule der völkisch-nationale Lyriker des Ersten Weltkriegs Walter Flex, der posthum als „Dichter der Bewegung“ gefeiert worden war, gelesen, ebenso der zeitgenössische österreichische Autor Josef Weinheber, der zu den namhaften Staatslyrikern des Dritten Reichs zählte, so wie der Österreicher und nationalsozialistische Dichter Erwin Guido Kolbenheyer, nicht zuletzt die in diesen Jahren kultisch verehrte Agnes Miegel. Im Schuljahr 1939/40 erhielt Hans Grimms Roman „Volk ohne Raum“ von 1920 ein besonderes Gewicht. Sein Titel diente den Nationalsozialisten als griffiges Schlagwort und Synonym für den Expansionskrieg, für das Recht auf den „Lebensraum im Osten“. Lesestoffe waren in den Kriegsjahren bevorzugt die Stücke der „nationalen Erhebung“, worunter man alle Arten von Befreiungskriegen verstand: Friedrich Schillers „Wilhelm Tell“ und „Wallenstein“ und Heinrich von Kleists „Hermannsschlacht“, ein Drama um den Cheruskerfürsten Hermann, der gegen die Römer aufstand. Ebenso stand Conrad Ferdinand Meyers „Huttens letzte Tage“ auf dem Lehrplan, in dem es um den Humanisten und Ritter Ulrich von Hutten geht, der Hermann als heroischen Befreier der Germanen gefeiert hatte.
Aufsätze zu Themen wie „Arbeitsdienst – ein Weg der Frau zur Nation“ mussten verfasst werden, im Kriegsschuljahr 1939/1940 „Das deutsche Mädchen und der Krieg“. Eine Facharbeit hatte den Titel: „Eine ernste Feierstunde (Im BDM, Geburtstag des Führers)“. In einer Unterrichtseinheit „Von meinen Ahnen“ hatten die Schülerinnen einen makellos arischen Stammbaum nachweisen. Suggestive Fragestellungen in den Prüfungen verlangten nationalsozialistische Antworten. „Es ist Krieg, welche Aufgaben kann ich erfüllen?“ Oder: „Warum bejahen wir diesen Krieg?“ Der klassische Bildungskanon und allgemeines, seriöses Wissen waren schnell nationalsozialistischer Esoterik und Agitation gewichen.
Hatten Schülerinnen sozialpädagogische Lehrgänge der Goetheschule besucht, den Arbeitsdienst absolviert und waren der NS-Frauenschaft und nationalsozialistischen Verbänden beigetreten, so hatten sie gute Aufstiegschancen im Staatdienst und der NSDAP, zum Beispiel beim Aufbau von NS-Jugendorganisationen. Im Interesse der „Volkswohlfahrt“ (NSV) bestand ein großer Bedarf an Jugendleiterinnen, Erzieherinnen und Hortnerinnen, die man gern in Fürsorgeeinrichtungen, bei der Polizei, in Müttererholungs- und Ferienheimen so wie in Heilstätten meist in leitenden Positionen einsetzte. Eine der Schulabsolventinnen gab als Berufsziel „Arbeitsdienstführerin“ an, viele wollten Lehrerin werden: Taubstummen- Gymnastik-, Gewerbe- oder Volksschullehrerin. Die meisten Absolventinnen heirateten aber ohne Ausbildung oder Studium.
Im Kollegium kam es 1939 zu Konflikten und Zerwürfnissen, die in einem hohen Krankenstand, Frühpensionierungen und auch physischer Gewalt ihren Ausdruck fanden. Direktorin Else Meyer war den Turbulenzen im Lehrerzimmer nicht mehr gewachsen und ließ sich zum Mai 1939 in den vorzeitigen Ruhestand versetzen. Wenige Tage vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges war Karl Zieseniß von August 1939 an, über die Kriegsjahre, bis 1945 Direktor der Mädchenoberschule. Einige Lehrer gingen sofort an die Front und schon im August 1939 wurde die Schule mit insgesamt 615 Mann von einem Landeschützenbataillon und einer Baukolonne belegt, die bis zum 14. September versorgt werden mussten. „Die Waschküche der Frauenoberschule wurde zur Großküche. Sämtliche Schülerinnen der Oberstufe und ihre Lehrkräfte hatten stundenweise Küchendienst.“ Im ersten Kriegsjahr 1939 arbeiteten Schülerinnen in den städtischen Kindergärten, andere leisteten Telefon- oder Bahnhofsdienst. Sogar die kleinen Schülerinnen der fünften Klassen setzte man im Sommer 1940 „geschlossen zur Erntehilfe“ ein“.
Im März 1940 wurden 64 Reifezeugnisse ohne Prüfung vergeben, die Klassen des Sprachlichen Zweiges vorzeitig nach nicht einmal zwölf Schuljahren entlassen. Nun berechtigte auch der Abschluss im „Hauswirtschaftlichen Zweig der Oberschule“ zum Studium an Universitäten, allerdings nur bis 1944. Unterricht fand nur noch reduziert oder gar nicht mehr statt. Im Winter schrieben die Kindergärtnerinnen wegen fehlenden Heizmaterials ihre Examensarbeiten in den Räumen von Andreanum und Josephinum, Bombenangriffe erschwerten im letzten Kriegsjahr einen geregelten Unterricht. Kultur und Zivilisation waren bereits zerstört, im Inferno vom 22. März 1945 brannte Hildesheim und die Goetheschule nieder.


Quellen:
CHRISTINA PRAUSS: Eine Schule der Frauen. Aufstieg, Fall und Neubeginn der Goetheschule in Hildesheim. 145 S. mit Abb. Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht 2009.


 

 

Staatliche Goetheschule, Goslarsche Straße Hildesheim
Foto: Stadtarchiv Hildesheim
Best.-Nr.
957-221

Aula der Staatlichen Goetheschule nach 1933
(Schularchiv des Goethegymnasiums)
 

 


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