Marktplatz Hildesheim -
Massenhinrichtungen der Gestapo

Text: Markus Roloff 

Durch den verheerenden Luftangriff vom 22. März 1945 und das damit verbundene Chaos in der Stadt kam es im starken Ausmaß zu Plünderungen in Hildesheim. Bürgermeister Georg Schrader in seiner Eigenschaft als örtlicher Luftschutzleiter berief daher am 26. März eine Konferenz im Kreisbefehlsstand zusammen, auf der gemeinsam mit dem Kreisleiter der NSDAP, der Gestapo, der Justiz sowie der Kriminal- und Schutzpolizei das mögliche Vorgehen gegen Plünderer erörtert werden sollte. Als Ergebnis wurde für den Abend des selben Tages eine Razzia angesetzt, bei der die gesamte Stadt nach Plünderern durchkämmt werden sollte. Um 21.00 Uhr wurde durch das herbeigerufene Personal (Mitglieder der NSDAP und anderer Parteiformationen) ein Ring um Hildesheim gebildet, der mit Richtung auf das Stadtzentrum immer enger gezogen werden sollte. Um 2.00 Uhr nachts sollte dann dem Bürgermeister auf dem Marktplatz der Vollzug gemeldet werden. Im Anschluß plante man alle ergriffenen Plünderer an einem vor Ort von der Gestapo errichteten Galgen hinzurichten. Da jedoch bei der Razzia kein einziger Verdächtiger ergriffen wurde, beschloß man statt dessen 3 Gestapohäftlinge, die bereits zuvor als Plünderer verhaftet worden waren, nun auf dem Marktplatz aufzuhängen. Neben den 3 Ausländern, die in dieser Nacht am Galgen starben, wurde zudem ein deutscher Mann von der Gestapo in deren Dienststelle erschossen, weil er der Plünderei verdächtigt wurde. Die Leiche dieses Mannes wurde unter den Galgen gelegt.

Am 27. März setzte die Gestapo tagsüber die öffentlichen Hinrichtungen auf dem Marktplatz fort. Das herzitierte Publikum bestand zumindest zum Teil aus den an den Aufräumungsarbeiten beteiligten Ausländern. Die Gestapo hatte den Marktplatz abgesperrt und ließ die beschuldigten Plünderer jeweils zu dritt aufhängen. Insgesamt starben mindestens 30 bis 50 Personen an diesem Tag auf dem Marktplatz. Die größte Opfergruppe rekrutierte sich aus den in Hildesheim zur Zwangsarbeit eingesetzten ehemaligen italienischen Soldaten. Einer Gruppe Italienern war von Soldaten der Wehrmacht bei Aufräumungsarbeiten in einem Depot in der Wachsmuthstraße erlaubt worden, Lebensmittelkonserven zum sofortigen Verzehr des Inhalts an sich zu nehmen. Da sich einige der Italiener aber Dosen mitnahmen, wurden sie auf dem Weg zu ihrer Unterkunft von einer Streife als vermeintliche Plünderer festgenommen und der Gestapo überstellt. Obwohl die Italiener sich keiner Schuld bewußt waren, führte die Gestapo keine Verhöre durch, sondern brachte die Männer unversehens zum Marktplatz und richtete sie hin. Nach Beendigung der Exekution wurden die letzten Opfer für einige Tage am Galgen zurückgelassen, um den angestrebten Abschreckungserfolg zu gewährleisten.

Blick vom Rathaus Hildesheim auf den Schutthaufen des Knochenhauer-Amtshauses. Teilweise liegen noch verbrannte, erstickte oder erhängte Leichen auf dem Platz.
Foto: Stadtarchiv Hildesheim
Best.-Nr. 951-1456-06


 

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