Amalie Loewenberg

Studienrätin an der Staatlichen Goetheschule
14.12. 1889 Kulmsee/ Westpreußen – 1942 in Majdanek verschollen

von Christina Prauss

Die „Tochter des Kaufmanns Arnold Loewenberg“, am 14. Dezember 1889 in Kulmsee/ Westpreußen geboren, besuchte die Städtische Höhere Töchterschule, von 1903 bis 1906, dann wechselte sie an die Studienanstalt der Sophienschule in Hannover, um die Reifeprüfung zu erlangen; das war nach der preußischen Mädchenschulreform ab 1908 möglich. Als eine der ersten Frauen studierte sie 1910 Deutsch, Französisch und Latein in Heidelberg, München und Bonn, bis sie dort 1916 ihr erstes Examen ablegte mit den Themen: „Intelligenzprüfungen an Schulkindern“ und „Die moralischen Wochenschriften Gottscheds und der ‚Hamburger Patriot’“.

Während des Ersten Weltkrieges wurde sie 1916 von Direktor Heinrich Freymark als „akademische Hilfslehrerin ins Auge gefasst, „falls sich keine ältere findet“, sonst müssten „drei Damen mit Überstunden bedacht“ werden. So schrieb er an den Magistrat der Stadt Hildesheim, weil Lehrer, die im Krieg waren, an den Schulen fehlten. Sie wurde eine der ersten akademischen Lehrerinnen in Preußen und die erste jüdische Studienrätin in Hildesheim an der Staatlichen Goetheschule, damals Lyzeum und vorher Töchterschule. Um 1922/23 baute man dort eine Studienanstalt auf, die der heutigen gymnasialen Oberstufe entsprach, um auch in Hildesheim Mädchen das Abitur zu ermöglichen, wobei das Fach Latein sehr wichtig war. Amalie Loewenberg wurde Koordinatorin für Latein und Französisch, besuchte sogar Sprachkurse in Paris und betreute Referendare, von denen eine sie liebevoll „Mali“ nannte.
Zusammen mit der evangelischen Musiklehrerin Margarete van Biema, die wie sie jüdischer Herkunft war, wurde Amalie Loewenberg im Sommer 1933 beurlaubt und am 5. August 1933 zum 1. Dezember des Jahres nach dem „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums § 3 in den Ruhestand versetzt“. Dieser Paragraph des Gesetzes sollte Bedienstete, die im Verständnis der Nazis nicht arischer Herkunft waren, vom öffentlichen Dienst ausschließen. Von ihrer ärmlichen Pension versorgte sie auch ihre pflegebedürftige Mutter bis zu ihrem Tod 1935 im Immengarten 9. In dem 1927 neu errichteten, modernen Haus lebten sie in einer kleinen Wohnung im 2. Stock. Eine Nachbarin erinnert sich, dass die „liebenswürdige Dame“ sehr zurückgezogen lebte. Bald löste sie ihren Hausstand auf und zog zu ihrer Schwester nach Berlin-Schöneberg in die Landshuterstraße 4. Sie war zu diesem Zeitpunkt 45 Jahre alt.
Zunächst übernahm sie 1935 für einige Monate die Vertretung einer erkrankten Lehrerin an der Israelitischen Lehranstalt in Leipzig, im Jahr 1936 unterrichtete sie am Jüdischen Realgymnasium in Breslau, denn jüdische Kinder besuchten keine öffentlichen Schulen mehr. Amalie Loewenberg behielt aber ihre Wohnung in Berlin bei, ihr Einkommen meldete sie korrekt den Behörden. Am Ende musste sie zusammen mit ihrer Schwester in eine überfüllte Judenwohnung direkt gegenüber umzuziehen. Sie wurde zur Zwangsarbeit eingezogen und legte im Krankenhaus Berlin-Buch für 58 Pfennige Stundenlohn Wäsche.
Vor ihrer Deportation brachte man sie in ein Sammellager der Synagoge Levetzowstraße, wo sie am 1. Juni 1942 wie alle anderen ein Formular erhielt, in das sie ihre Vermögensverhältnisse eintragen sollte. „Tapfer hatte sie das Ausfüllen des Formulars begonnen, konnte aber vermutlich aus innerer Erregung, oder weil vor ihrer möglicherweise überstürzten Abholung nicht mehr genügend Zeit war, die endlosen Reihen von detaillierten Fragen nach ihrer Person, nach flüssigem Vermögen, Wertpapieren, Liegenschaften, Kunst- und Wertgegenständen, Forderungen und Versicherungen, Wohnungsinventar und Kleidungsstücken nicht zu Ende führen.“ Bis zum Abtransport „kam es zu Selbstmorden oder Versuchen dazu. Manche Frauen stürzten sich von der Empore auf den Marmorfußboden.“ Mit dem 15. „Großen Transport nach Osten“ am 13. Juni 1942 wurde sie deportiert, zusammen mit 736 Leidensgefährten unter Peitschenhieben in Viehwagen zusammengepfercht und ins Konzentrationslager Majdanek gebracht. Seitdem gilt sie als verschollen. Vermutlich wurde sie im Gas ermordet. - Erna Heimann, ihre Schwester, nahm sich am 24. November 1942 das Leben.


CHRISTINA PRAUSS: Eine Schule der Frauen. Aufstieg, Fall und Neubeginn der Goetheschule in Hildesheim. Vandenhoeck & Ruprecht 2009. S. 73 ff.

CHRISTINA PRAUSS: Verfolgt, ermordet – unvergessen. Zur Erinnerung an Schülerinnen der Städtischen Höheren Töchter- und Staatlichen Goetheschule unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Hildesheim, Gerstenberg 2012.
 

Amalie Loewenberg im Klassenzimmer um 1932 (Privatbesitz Herta Brandis†)