Die Verfolgung und Vernichtung der Hildesheimer Familie Palmbaum


Text: Hartmut Häger

Auf dem jüdischen Friedhof an der Peiner Straße gibt es gleich hinter der Abdankungshalle ein Grab der Familie Palmbaum. Der Grabstein erinnert an sechs Verstorbene. Die über die rechte Seite verteilte Inschrift lässt darauf schließen, dass hier ein Ehepaar bestattet werden sollte. Sie verweist auf Philipp Palmbaum, geb. 15. März 1857, gest. 15. März 1928. Diesem deutsch verfassten Text ist ein hebräischer vorangestellt: „H(ier) l(iegt begraben) / Herr Pejtel, Sohn d. H. David. / Er war redlich und tat die Gerechtigkeit. / Starb 23. Adar 5688 / (Segensformel). Der aufgesetzte Dreiecksgiebel enthält in der Mitte den Davidsstern, den „Magen David“ (Schild Davids).
Statt der zu erwartenden Angaben zur dort nach ihrem Mann bestatteten Ehefrau stehen auf der linken Seite mehrere Namen untereinander. Den Worten „Zum Gedenken an“ folgen „Julius Palmbaum / geb. 22.7.1891 / Claire Palmbaum / geb. 3.8.1896 / Kurt Palmbaum / geb. 12.1.1924 / Julie Palmbaum / Ella Palmbaum / Alle im Holocaust / umgekommen“.
Philipp Palmbaum wurde am 15. März 1857 in Wrisbergholzen, Kreis Alfeld, geboren. Seine Eltern waren der Lotteriekollekteur David Palmbaum und Henriette, geb. Michaelis. Er zog am 18. April 1883 als „Handelsmann“ in die Michaelisstr. 57 (bei Grumbrecht). Ab 23. Juni 1909 wohnte er als „Kaufmann“ im Langen Hagen 65, in einem Wohn- und Geschäftshaus, das er erworben hatte.
1885 heiratete er Julie Cohn, geb. am 17. Oktober 1864 in Wöllmarshausen (bei Duderstadt) als Tochter des Kaufmanns Baruch Cohn und Riette, geb. Löwenthal. Zwei Kinder wurden geboren: am 4. Oktober 1886 Ella und am 22. Juli 1891 Julius.
Philipp Palmbaum starb im Alter von 71 Jahren am 15. März 1928, nachmittags um 1½ Uhr in seiner Wohnung.
Tochter Ella wurde am 4. Oktober 1886 geboren. Sie ging nach der Volksschule zur Töchterschule, die sie 1900/01 nach der Klasse V verließ, also nach fünf von damals neun Schuljahren. Sie blieb unverheiratet und lebte in ihrer Familie.
Sohn Julius wurde am 22. Juli 1891 geboren. Als junger Mann war er erst bei der Dresdner Bank Berlin und dann beim Bankhaus Dux in Hildesheim beschäftigt. In das Geschäft seines Vaters – ein Großhandel für Därme und Felle – trat Julius Palmbaum 1924 als persönlich haftender Gesellschafter ein. Am 15. Juni 1921 heiratete er Klara Moosberg, die laut Meldekarte am 1. Juli 1921 von Burgdorf nach Hildesheim umzog.
Ihr ältester Sohn Fritz wurde am 13. April 1922 in Hildesheim geboren. Nach der jüdischen Volksschule wechselte er auf die Andreas-Oberschule. Die zunehmende Ausgrenzung aus der Klassengemeinschaft, die beklemmende gesellschaftliche Isolation sowie die selbst- oder miterlebten Gewaltakte durch die Polizei oder Gestapo, durch SA oder fanatisierte Mitschüler oder Mitbürger veranlassten ihn, 1938 die Schule zu verlassen. Seine Eltern ermöglichten ihm im August 1938 die Auswanderung nach Australien. In Sydney lernte er bei einem Juwelier den Beruf des Uhrmachers. Er heiratete die Tochter des Geschäftsinhabers und führte mit ihr die Firma nach dessen Tod weiter. Aus ihrer Ehe gingen drei Kinder hervor.
Kurt Palmbaum, der knapp zwei Jahre jüngere Bruder von Fritz, wurde am 12. Januar 1924 in Hildesheim geboren. Er besuchte die jüdische Volksschule in Hildesheim und wechselte 1934 auf die Andreas-Oberschule. Ostern 1938 verließ er zusammen mit Fritz die Schule. Das Hauptalbum nennt als „Ziel“ „Gärtnereischüler“. Ob er tatsächlich eine Gärtnerlehre begann, ist nicht bekannt, weil die Verbindung zu Fritz abriss.
Das Wohn- und Geschäftshaus im Langen Hagen 65, heute etwa Kardinal-Bertram-Straße 17/18, stand im nordöstlichen Abschnitt des Langen Hagens neben der ehemaligen Broyhan-Brauerei. Mit seinen drei Geschossen überragte es die Nachbargebäude. Aus der Bauakte gehen die Raumhöhen hervor: Keller: 2,30 m, Erdgeschoss: 3,65 m, 1. OG: 3,60 m, 2. OG: 3,60 m und Dachgeschoss: 2,50 m. Die Frontseite war 14 m lang. Im Erdgeschoss lagen das Büro und die Wohnung von Julie und Ella Palmbaum. In der ersten Etage wohnte die Familie Julius und Claire Palmbaum mit ihren beiden Kindern. Die anderen Etagen waren vermietet. Hinter dem Wohngebäude stand ein zwei- bis dreistöckiges Lagerhaus mit den Waren des Großhandelsgeschäfts.
Die Firma Philipp Palmbaum, ein Großhandel mit Fellen und Därmen, Fleischereibedarf, Haaren und Borsten, bestand seit 1885. Philipp Palmbaum hatte sie gegründet. Julius Palmbaum trat am 7. November 1924 als persönlich haftender Gesellschafter ein sowie nach dem Tod Philipps am 10. Juli 1928 seine Witwe Julie.

Das Unternehmen war das größte am Platz. Die erzielten Umsätze betrugen 1935 mehr als 56.000 RM und in den ersten neun Monaten des Jahres 1936 mehr als 34.000 RM. Nach dem Novemberpogrom 1938 wurde Julius Palmer ins KZ Buchenwald verschleppt. In seiner Abwesenheit musste seine Mutter die Firma am 2. Dezember 1938 auflösen.
Am 1. April 1942 wurden Julius, Clara und Kurt Palmbaum nach Warschau deportiert, wo sie – wahrscheinlich beim Ghetto-Aufstand im April/Mai 1943 – umkamen. Julie und Ella Palmbaum blieben zurück, wurden aber ihrer Wohnung verwiesen und in das als „Judenhaus“ hergerichtete Geschäftshaus Stern & Co, Manufakturwaren, Friensenstr. 3/4, umgesiedelt. Am 21. Juli 1942 wurde sie zusammen mit ihrer Tochter und weiteren 49 Hildesheimer Juden zunächst „mittels Sonderwagen der Straßenbahn“ nach Ahlem und von dort am 23. Juli mit dem Sonderzug Da 75 nach Theresienstadt deportiert. Julie starb am 17. Oktober 1942 in Theresienstadt. Ella wurde am 23. Januar 1943 in das Vernichtungslager Auschwitz gebracht, wo die 67-jährige ihr Leben ließ.

 Der Palmbaum-Aufsatz in Langfassung

 

 

Julius Palmbaum

 

Claire Palmbaum

 

Fred Palmer

 

Kurt Palmer