Frieda Loebenstein – Sr. Paula Loebenstein

16. 5. 1888 Hildesheim – 6. Mai 1968 São Paulo

von Christina Prauss

In den bürgerlichen Salons der Kaiserzeit entfaltete sich eine reiche Musikkultur, auch in Hildesheim. Schon mit 13 Jahren hatte Frieda Löbenstein Klavierstunden erteilt, noch ehe sie 1904 die Städtische Höhere Töchterschule absolvierte; diese stand in der Goslarschen Straße direkt neben ihrem Elternhaus. Ihr Vater Lehmann Löbenstein war Mitbegründer von „Löbenstein & Freudenthal“, des ersten Textilkaufhauses in Hildesheim. Heute wird es von der Firma Kressmann am Hohen Weg weitergeführt.
Als eine der Ersten studierte Frieda Löbenstein in Hannover an dem 1909 gegründeten Schulgesangsseminar des Tonikado-Bundes, die von Agnes Hundoegger entwickelte Tonika-Do-Methode, in der Musikpädagogik eine Revolution. Die mit den Handzeichen do, re, mi, fa, so, la, ti, do dargestellte aufsteigende Dur-Tonleiter sollte das Notenlernen und Singen vom Blatt erleichtern. Mit 24 Jahren zog sie 1912 nach Berlin, um ihr Musikstudium an einer der führenden Musikschulen in Europa, dem privaten Stern’schen Konservatorium fortzusetzen, nun im Hauptfach Klavier und mit den Schwerpunkten Theorie und Chor. Große Namen sind unter den Schülern und Lehrern des Konservatoriums zu finden: Bruno Walter, Hans von Bülow, Arnold Schönberg und Otto Klemperer. Von 1921 an war sie hier als Dozentin für Gehörbildung tätig. Sie meinte: Das Hören und Erleben des musikalischen Kunstwerks sei kein berechenbarer physikalischer Vorgang, vielmehr ein psychisches „Mitströmen im lebendigen Fließen der Musik“.
Als Dozentin für Klavierpädagogik wurde Frieda Loebenstein, so schrieb sie ihren Namen nun, 1926 an die Hochschule für Musik in Berlin berufen. Zahlreiche Schriften von großer Klarheit und Wärme sind aus dieser Zeit erhalten. Das Lehrbuch „Das Klavier im Spiel der Kleinsten“ war bahnbrechend. Ihr Werk Klavierpädagogik wurde 1960 noch einmal aufgelegt. In der maßgeblichen Zeitschrift Melos erschienen 1929 und 1930 die Beiträge „Musikalische Erziehung durch das Klavier“ und „Die neue Musik in der Musikerziehung des Kindes“. An der Hochschule leitete Frieda Loebenstein eine Übungsschule, an der 5- bis 13jährige Kinder aus ärmsten Verhältnissen ein Jahr lang unentgeltlich unterrichtet wurden. Diese Klasse wurde zum Angriffsziel der NS-Presse und Loebenstein als Kulturbolschewistin beschimpft. Noch am 1. März 1933 wurde sie wegen ihrer jüdischen Herkunft entlassen, ihre Existenz war erschüttert.
Zunächst hielt sie Vorlesungen in ihrer Privatwohnung über Gregorianik. Daraus entstand ihr bis heute gültiges Lehr- und Standardwerk „Der Gregorianische Choral in Wesen und Ausführung“, das sie 1936 zusammen mit Corbinian Gindele, einem Schüler Hindemiths und Benediktiner aus der Erzabtei Beuron, publizierte. Mit der von Guido von Arezzo entwickelten Solmisation, der Darstellung von Tonfolgen mit Handzeichen und Wortsilben, wurden seit dem 11. Jahrhundert in Klöstern Gregorianische Choräle geübt und gesungen, in der Reformbewegung integrierte man sie in die Tonika-Do-Lehre. So wurde auf die frühen methodischen Mittel, auf die aretinischen Silben zurückgegriffen und um die Ergebnisse der neueren Pädagogik erweitert. Das Buch erschien in Oranienburg, in dem kleinen katholischen Verlag „Das Innere Leben“ im Immaculatahaus, das von Johannesschwestern geleitet wurde. Der Orden führte in St. Hedwig in Berlin den Haushalt von Domprobst Bernhard Lichtenberg, der wegen seines öffentlichen Eintretens für die Verfolgten inzwischen selig gesprochen wurde und den Titel „Gerechter unter den Völkern“ trägt. Schon bald studierte Frieda Loebenstein mit Ordensleuten, Ministranten, Bewohnern eines Hospizes und Obdachlosen Gregorianische Choräle für Andachten und Messen ein. Die Johannesschwestern gaben ihr Schutz und drängten auf die unausweichliche Emigration.
Von August 1938 bis 1939 bemühten sich die Schwestern zusammen mit dem Katholischen Hilfsausschuss des Bischöflichen Ordinariats in Berlin, der 1935 für Katholiken jüdischer Herkunft gegründet wurde, auch um die Emigration von Frieda Loebenstein. Mit Zähigkeit kümmerte sich Sr. Adelgunde mit Hilfe des Raphaelsvereins, der Auswanderer betreute, um Ausreisepapiere, Geld, Adressen, Arbeitsmöglichkeiten und Kleidung. Zweifellos waren dem Katholischen Hilfswerk die internationalen Kontakte der Orden, Missionswerke und kirchlichen Verbände, die nach Holland, Spanien, Frankreich, Südamerika und bis nach Shanghai reichten, nützlich. Dorthin schrieb sie einem Pater: „Wie die Verhältnisse heute sind, wird sie (Frieda Loebenstein) wohl auswandern. Sie ist eine geistig hochstehende Persönlichkeit und stellt gerne ihr ganzes Wissen in den Dienst der Kirche und Liturgie. Können Sie evtl. für diese auch einen Schiffsplatz vermittel? Wenn ja, geben Sie uns bitte bald Bescheid, damit sie sich einen Pass besorgen kann.“
Der Erzabt von Beuron riet ihr, nach Brasilien zu gehen, wohin sie im Sommer 1939 gelangte, nachdem sie wegen eines Passes noch in die Schweiz reisen musste. Sie berichtet: Meine zehn Mark, die ich aus Deutschland mitnehmen durfte, waren schnell verbraucht. In London suchte ich das Büro für katholische Ausreisende auf, wo mich ein Priester empfing, der in Deutschland gute Beziehungen hatte. […] Der Priester des Büros verschaffte mir bei Vinzentinerinnen ein kostenloses Nachtquartier. Die Unterhaltung mit ihm machte mir viel Mut. Mein Gottvertrauen wurde neu gestärkt. […] Ich hatte nicht die leiseste Ahnung, was in Brasilien aus mir werden würde. Als die Bucht von Rio de Janeiro in Sicht kam, wurde mir doch recht schwer ums Herz. Schließlich erschien der Zuckerhut, der berühmte Berg in Rio, und daneben der Corcovado mit der riesenhaften Christusstatue auf dem Gipfel. So grüßte der Heiland mich mit ausgebreiteten Armen, und ich faßte Mut.
In São Paulo unterrichtete Frieda Loebenstein einige Monate als Musiklehrerin und trat dann im August 1939 in der Abadia de Santa Maria der Gemeinschaft der Benediktinerinnen bei. Nach der Profess 1941 nahm sie den Namen Paula an und lebte dort als Irma Paula Loebenstein. Mit der Unterstützung der Oberin, die erkannte, wie charismatisch und genial sie die Tonika-Do-Methode mit Gregorianik verband, baute sie eine Musikschule auf und blieb bis an ihr Lebensende eine Pionierin und passionierte Verfechterin dieser Lehre. Hildesheim und ihre Familie hat sie vermutlich nie wiedergesehen. Ihr kleines Barvermögen auf deutschen Banken, das wohl aus dem väterlichen Unternehmen „Löbenstein & Freudenthal“ stammte, wollte sie zurückfordern, um es den Johannesschwestern zu überlassen. Das Verfahren verfing sich aber im Gestrüpp der Paragraphen und den noch ungeordneten Rechtverhältnissen Nachkriegsdeutschlands. Schwester Paula starb am 6. Mai 1968, wenige Tage vor ihrem 80. Geburtstag. Nach ihr ist eine Straße, die Rua Irma Paula Loebenstein, in São Paulo benannt.


CHRISTINA PRAUSS: Vom Untergang bürgerlicher Lebenswelten – Der Kaufhausgründer Lehmann Löbenstein aus Datterode und seine Kinder. In Eschweger Geschichtsblätter, Bd. 23, 2012, S. 59–84.
 

Frieda Loebenstein- Gregorianische Choral

 

Sr. Paula Loebenstein