Joseph Jacobson

Betten, Wäsche, Ausstattungen

von Christina Prauss

Johanne Jacobson entstammte der alten Hildesheimer Familie Güdemann, die seit dem frühen 19. Jahrhundert in der Hildesheimer Neustadt das Fleischerhandwerk ausübte. Ihr Vater Wolf Güdemann, der als „Knochenhauermeister am Lambertikirchhofe“ in den alten Adressbüchern verzeichnet war, schickte sie zur Höheren Schule, gleich um die Ecke in die Braunschweiger Straße. Im Jahr 1856 geboren, war sie, wie zum Beispiel auch die Malerin Agnes Meyerhof und ihre Schwester, die bekannte Schriftstellerin Leonie Meyerhof, eine der ersten Absolventinnen der bürgerlichen Städtischen Höheren Töchterschule, die 1858 gegründet, allen drei Bekenntnissen, also auch den israelitischen Mädchen offenstand. Sie wurden in Rechnen, Schreiben, Englisch, Französisch, Geschichte und Geografie, Naturkunde, Kunstgeschichte und Zeichnen unterrichtet; einen großen Raum nahmen die Fächer Textilarbeiten, also Wäschekunde, Nähen, Sticken und Stricken ein.
Ihr Ehemann Joseph Jacobson, Sohn eines Kaufmanns aus Malchow im heutigen Mecklenburg-Vorpommern, kam 1873 über Hannover nach Hildesheim und ließ sich bei dem Möbelhändler Israel Sichel in der Friesenstraße 20 nieder, um dort ein Wäschegeschäft mit Bettenfabrik aufzumachen. Im Jahr 1900 errichtete er an dieser Stelle ein neues, mit großer Schaufensterfront modern gestaltetes, dreigeschossiges Haus, in dem das Fachgeschäft „Jos Jacobson, Betten, Wäsche, Ausstattungen“ lange Zeit einen guten Namen hatte. Als angesehener Mann bekleidete Joseph Jacobson in der Synagogen-Gemeinde von 1909 bis 1922 viele Jahre das Amt eines Vorstehers und, wie in jüdischen Familien traditionell, sorgte er für eine gute Bildung seiner Kinder, auch der Töchter.
Wie ihre Mutter Johanne absolvierten auch Bertha 1897 und Martha 1904 die Städtische Höhere Töchterschule, nun in dem neuen, großen Prachtbau an der Goslarschen Straße. Martha wurde Krankenschwester und starb wie ihr Bruder Emil bei einer Grippeepidemie kurz nach dem Ersten Weltkrieg. Ihre älteste Tochter Bertha, die 1882 geboren und ledig in ihrem Elternhaus geblieben war, führte mit ihrer Mutter Johanne das Wäschegeschäft selbständig weiter, nachdem Joseph Jacobson 1926 im Alter von 71 Jahren gestorben war. „Sie waren sehr lieb zu mir und ich besuchte sie oft in Hildesheim. Sie konnten begnadet backen und kochen und haben mich wirklich gestopft “, erinnert sich der Enkel Ralph, ursprünglich Rudolph, Jacobson.
In den ersten Kriegsjahren wurde das Geschäftshaus in der Friesenstraße eines der schrecklichen Judenhäuser, in denen der Alltag für die zusammengedrängten Menschen unerträglich war. Sie durften nur zu festgelegten Stunden das Haus verlassen, nicht mehr mit der Straßenbahn fahren, Gaststätten und Grünanlagen nicht mehr betreten, nur noch in bestimmten Läden rationiert einkaufen. Ab September 1941 hatten sie den Judenstern zu tragen – sie waren Einschränkungen und Schikanen unterworfen. Der Boykott jüdischer Geschäfte seit den mittleren 1930er Jahren hatte deren Ruin bedeutet, es folgten Insolvenzen und Arisierungen. Das Wäschegeschäft Jacobson war in „Schmidt Dekoration“ übergegangen.
Mit einem so genannten „Heimvertrag“, in dem ihnen ein komfortabler Aufenthalt in Theresenstadt versprochen wurde, hatte man Johanne Jacobson und ihrer Tochter Bertha Möbel, Wertgegenstände, das gesamte Vermögen abgenommen. Sie wurden mit Gewalt aus ihrem Haus vertrieben, das dann regelrecht geplündert wurde. Im Alter von 85 Jahren wurde die Greisin aus dem gegenüberliegenden Haus Albert Sterns in der Friesenstraße 3/4 „weggetragen und in einem Transportwagen weggefahren“. Nach den Deportationen waren in Friesenstieg und Friesenstraße Häuser demoliert, die tiefstehenden Fenster der alten Fachwerkhäuser im Erdgeschoss zerschlagen. Sie standen weit offen, sodass man sich hinein lehnen und die Spuren der Gewalt, Plünderung und Verwüstung wahrnehmen konnte. Von der Sammelstelle Ahlem in Hannover aus deportierte man sie am 23. Juli 1942 zusammen mit ihrer Tochter Bertha nach Theresienstadt, wo sie wenig später am 20. September zu Tode kam. Bertha wurde von dort aus am 15. Mai 1944 nach Auschwitz gebracht; ihr Todestag ist unbekannt.
Joseph und Johanne Jacobson hatten den Sohn Ernst, der 1884 geboren, in Jena Jura studierte und mit der Promotion abschloss, was damals in diesem Fach etwas Besonderes war. 1911 ließ sich Dr. Ernst Jacobson als Rechtsanwalt in Osnabrück nieder, im Ersten Weltkrieg diente er als Unteroffizier an der Front. Später wurde er zum Notar ernannt und in den Vorstand der jüdischen Gemeinde Osnabrück gewählt. Gleich 1933 durfte er keine notariellen Aufgaben vor Gericht mehr wahrnehmen, im Oktober 1938 wurde er von den Nazis ermordet. Er starb am 1938 und liegt auf dem Jüdischen Friedhof an der Peiner Landstraße begraben. Seine Frau konnte mit den Kindern Elsa und Rudolph, der sich heute Ralph nennt, in die Vereinigten Staaten entkommen. Ralph wurde wie sein Vater ein renommierter Anwalt und lebt heute im Ruhestand in Pinehurst, North Carolina.

“Mein Vater wurde von den Nazis im Oktober 1938 ermordet und meine Mutter und ich waren in der glücklichen Lage, im Januar 1939 in die Vereinigten Staaten entkommen zu können. Das Traurigste an unserer Ausreise war, dass wir meine Großmutter und Tante in Hildesheim zurücklassen mussten, ohne jede Hoffnung, sie in den USA jemals wiederzusehen. Es gab eine sehr strenge Einwanderungsquote und sie hatte keine Chance, Deutschland zu verlassen. Bei unserem Abschied war meine Großmutter in einem schrecklichen Gesundheitszustand, sie konnte nur mithilfe von zwei Krücken gehen; meine Tante pflegte sie mit größter Fürsorge. Sie überlebten, bis sie in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert worden sind. Meine Großmutter war ungefähr 88, meine Tante 65 Jahre alt. Meine Großmutter wurde bald ermordet, aber meine Tante lebte noch etwa ein Jahr, bis sie in Auschwitz umgebracht wurde.“ (Ralph Jacobson)



CHRISTINA PRAUSS: Verfolgt, ermordet – unvergessen. Zur Erinnerung an Schülerinnen der Städtischen Höheren Töchter- und Staatlichen Goetheschule unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Hildesheim, Gerstenberg 2012. S. 42-45.
CHRISTINA PRAUSS: Zwei alte Fotos von Johanne und Bertha Jacobson. In: Hildesheimer Kalender 2012. Jahrbuch für Geschichte und Kultur. Hildesheim, Gerstenberg 2011. S. 157-158.

 

     

Johanne Jacobson mit Enkeln Elsa und Rudolph 1929 auf dem Balkon Friesenstraße 20

 Geschäftshaus Jacobson Friesenstraße 20, Eckhaus links

 Bertha Jacobson mit Nichte Elsa und Neffe Rudolph