Klara Löbenstein

15. Februar 1883 Hildesheim - nach 1941 Buenos Aires

von Christina Prauss

Als David Hilbert, der „Einstein der Mathematik“, Klara Löbenstein 1909, nur ein Jahr nachdem Frauen in Preußen Abitur und Studium erlaubt worden waren, zur Doktorin der Mathematik promovierte, war Göttingen durch ihn zum internationalen Zentrum der mathematischen Welt geworden. In ihrer Geburtsstadt Hildesheim war das eine bis heute wenig beachtete Sensation. Sie wuchs in einer patriotischen, aufstrebenden Familie des Wilhelminischen Bürgertums auf. Mit Manufakturwaren hatten 1874 ihr Vater Lehmann Löbenstein und sein Partner in der Altpetristraße 9 klein angefangen; auf dem Hohen Weg 14 eröffneten sie 1900 „Löbenstein & Freudenthal“, heute „Modehaus Kressmann“, das modernste Textilkaufhaus in der Region.

Mit vier hochbegabten Schülerinnen absolvierte Klara Löbenstein 1899 an der Städtischen Höheren Töchterschule die neu eingerichtete zehnte Aufbauklasse „Selekta“, um schon 1904 in Hannover am Städtischen Realgymnasium die Reifeprüfung abzulegen. Die Schule für Jungen, deren Abschluss erst 1900 als Universitätsreife anerkannt wurde, war auf Naturwissenschaften, Technik, Wirtschaft und moderne Sprachen ausgerichtet. Trotz aller Ressentiments schrieb sich Klara Löbenstein zunächst noch als Gasthörerin für ein Studium der Fächer Mathematik und Physik in Berlin und Göttingen ein. Auf dem Internationalen Mathematiker-Kongress 1900 in Paris formulierte Hilbert seine „23 Mathematische Probleme“. - Einer dieser Fragen widmete Klara Löbenstein ihre Dissertation „Über den Satz, dass eine ebene, algebraische Kurve 6. Ordnung mit 11 sich einander ausschließenden Ovalen nicht existiert“.

Das Studium Klara Löbensteins begleiteten außerdem Woldemar Voigt, der Gründungsdirektor des Instituts für Theoretische Physik in Göttingen, und Georg Elias Müller, ein Bahnbrecher der experimentellen Psychologie, die mit strengen naturwissenschaftlichen Methoden Wahrnehmung, Aufmerksamkeit und Gedächtnis untersuchte. Auch war der Mathematik-Professor Felix Klein, der sich als vorurteilsfreier Förderer des Frauenstudiums hervorgetan hatte, einer ihrer Prüfer. Seine Tochter Elisabeth Staiger war von 1932 bis 1933 Direktorin der Goetheschule in Hildesheim. Klein hatte eine neu ausgerichtete Didaktik mathematisch-naturwissenschaftlicher Fächer in Bezug auf ihre Funktion, Anschaulichkeit und Anwendbarkeit wesentlich angestoßen, auch an den Mädchenschulen.

Das erste Vorbereitungsjahr für das Höhere Lehramt leistete Klara Löbenstein 1911 an dem noch jungen Andreas-Realgymnasium, dem heutigen Scharnhorstgymnasium in Hildesheim ab. Zunächst wurde sie 1913, am Vorabend des Ersten Weltkrieges, Oberlehrerin in Metz, dann 1916 wegen der Gefechte dort nach Landsberg an der Warthe, dem heutigen Gorzow in Polen, versetzt. Während dieser Jahre bewahrte sich Klara Löbenstein die Liebe zu ihrer Heimatstadt. Mit ihrer Prima unternahm sie 1927 eine Studienfahrt nach Hildesheim, um sie „für die Kostbarkeiten mittelalterlicher kirchlicher und profaner Kunst“ zu begeistern. Sie besichtigten die Fachwerkbauten in der Altstadt, den Dom mit Heziloleuchter, die Klosterkirche St. Magdalenen, die Bernwardstür und vieles mehr.

Wegen ihrer jüdischen Herkunft wurde sie zum 1. Januar 1936 entlassen und zog in ihr Elternhaus in Hildesheim zurück. Nach der Liquidierung des Textil- und des Familienhauses wohnte sie 1938 in der Friesenstraße 3, in einem der „Judenhäuser“, in der Juden eng zusammengepfercht leben mussten, bis viele von ihnen 1942 und 1943 in die Vernichtungslager deportiert worden sind. Klara Löbenstein konnte nach Buenos Aires emigrieren, wo sie am 5. Oktober 1941 ankam, sich aber ihre Spur verliert. Die Mathematikerin aus Hildesheim steht für die Emanzipation der Naturwissenschaften, der Frauen, der Juden – und den beklagenswerten Brain-Drain im Nationalsozialismus.


 

York-Egbert König, Christina Prauss, Renate Tobies: Margarete Kahn und Klara Löbenstein. Mathematikerinnen – Studienrätinnen – Freundinnen. Berlin, Hentrich & Hentrich 2011. (Jüdische Miniaturen 108)

Christina Prauss: Dr. Klara Löbenstein. In: Andrea Germer (Hrsg.): Töchter der Zeit. Hildesheimer Frauen aus sechs Jahrhunderten. Hildesheim, Gerstenberg 2014. S. 109-124.