Straßennamen

Hartmut Häger

Straßenbezeichnungen gehörten in Hildesheim zu den ersten Opfern nach der gewaltsamen Übernahme der Macht im Rathaus durch die Nationalsozialisten. Am 3. April 1933 beschlossen die nationalsozialistischen Bürgervorsteher im Alleingang, den Paradeplatz in „Paul-von-Hindenburg-Platz“ und die Bahnhofsallee in „Adolf-Hitler-Straße“ umzubenennen. Weitere Umbenennungen folgten: Aus dem Bergsteinweg wurde am 8. Mai 1933 die „Schlageterstraße“, die Steingrube wurde 1935 zum „Karl-Dicklage-Platz“, ab 25. Mai 1936 hieß die Mittelalle „Horst-Wessel-Allee“, 1938 wurde die Kaiserstraße zusammen mit der Schützenallee in „Straße der SA“ umbenannt. Die Militärregierung veranlasste 1945 die Wiederherstellung der alten Straßenbezeichnungen. Nur der Paul-von-Hindenburg-Platz überstand die Entnazifizierung, seit 1949 allerdings in der verkürzten Form als „Hindenburgplatz“.
Seit 1961 erinnern Straßennamen in Hildesheim an Menschen, die der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft zum Opfer fielen. Im damaligen Neubaugebiet „Godehardikamp“ erhielten die Straßen 1961 die Namen von Bernhard Letterhaus, Bernhard Lichtenberg, Carlo Mierendorff, Christoph Hackethal, Dietrich Bonhoeffer, Ernst Heilmann, Ernst von Harnack, den Geschwistern Scholl, Heinrich Jasper, Helmut Hesse, Joseph Müller, Julius Leber, Carl von Ossietzky, Claus Graf Schenk von Stauffenberg, Wilhelm Leuschner, 1963 nach Albrecht Hausdorfer, Erich Klausener, Eugen Bolz und Johanna Kirchner. 1981 ein Weg im benachbarten Baugebiet „Bockfeld“ nach Georg Schulze-Büttger benannt. Ute Huhold vom Hildesheimer Friedenskreis stellte in ihrer Ansprache bei der Gedenkfeier am 22. März 1994 auf dem Hildesheimer Marktplatz heraus, dass Hildesheim die erste Stadt der Bundesrepublik Deutschland gewesen sei, die Straßen den Frauen und Männern des Widerstands gewidmet habe.
Erst 2010 erhielt eine Straße im Ochtersumer Baugebiet „Am Steinberg“ den Namen von Agnes Meyerhof, die 1942 nach Theresienstadt deportiert und dort ermordet wurde. Der Judenverfolgung konnten sich Albert Einstein, Hans-Adolf-Krebs, Hannah Arendt, Walter Gropius und Erich Pommer durch Auswanderung entziehen. An sie erinnern Straßenbezeichnungen in Einum, Itzum, Ochtersum, in der Nordstadt und im Bockfeld. Marie-Anne-Kuntze widersetzte sich 1933 als Schulleiterin den inhumanen Anordnungen der neuen Machthaber. Sie wurde zur Studienrätin degradiert – im Bockfeld steht ihr Name auf einem Straßenschild. Thomas Mann emigrierte vor dem nationalsozialistischen Ungeist in die USA, in Ochtersum gibt es eine nach ihm benannte Straße.
Verfolgt und inhaftiert, drangsaliert und gedemütigt wurden Politiker wie Kurt Schumacher, Konrad Adenauer und Thomas Dehler. Straßen mit ihren Namen befinden sich in Ochtersum und Itzum.


Hartmut Häger, Hildesheimer Straßen, Hildesheim 2005.