Die Machtergreifung 1933 in den Hildesheimer Zeitungen

Sarah Köwing und Sarah Schultz (Gymnasium Andreanum)

Auch in Hildesheim sind die Tageszeitungen 1932/33 auf spezielle soziale Milieus bzw. Parteimitglieder ausgerichtet:
Die auflagenstärkste und traditionellste Tageszeitung ist die HAZ. Sie ist national-liberal und unterstützt die DVP. Sie hat eine Auflage von ca. 12.000 Exemplaren.
Seit 1925 in der Auflage fast gleichauf mit der HAZ erscheint das Hildesheimer Volksblatt als Organ der SPD mit 11.500 Exemplaren.
Die Hildesheimsche Zeitung/Landpost/Kornacker (Zentrum) verkauft täglich ebenfalls ca. 11.500 Exemplare.
Die Regierungspolitik der Weimarer Republik wird also von etwa 85% der Hildesheimer Tageszeitungen mitgetragen.
Seit 1923 existiert das Hildesheimer Abendblatt (rechtsextrem, es lehnt die Republik ab und bekämpft sie); 1929 mit ca. 6000 Lesern! – Rechtsextremismus ist in Hildesheim nicht bedeutungslos.
1932 wird zusätzlich der Hildesheimer Beobachter gegründet als Organ der NSDAP.

Der 30.01.1933 bringt für die Tagespresse in Hildesheim eine Zäsur: denn was später als Gleichschaltung bezeichnet wird, vollzieht sich hier auf lokaler Presseebene. Im März wird bereits das Volksblatt-Gebäude von der SA gestürmt, im April wird das Erscheinen zwangsweise ganz eingestellt, die Einrichtungen gehen auf den Hildesheimer Beobachter über, der auch die Leser des Abendblattes übernimmt. Die Auflage des Hildesheimer Beobachters wird gleichzeitig ständig erhöht bis auf 11700 Exemplare täglich.
Die katholische „Landespost“ (früher Hildesheimsche Zeitung) verkauft ab 1933 nur noch 8700 Exemplare und verliert schließlich mehr als 1/3 seiner Leser, bis sie 1939 ganz eingestellt wird.
Aus Zeitungen als Organe politischer Parteien werden ab Februar 1933 Einheitssprachrohre der NS-Regierung und ihrer Propaganda. Die Gesamtauflage aller Hildesheimer Tageszeitungen schrumpft von1929 bis 1937 von 44000 auf 30000 Exemplare täglich. Die Leser sind an diesen „Nachrichten“ offenbar immer weniger interessiert. Die öffentliche Meinung wird immer mehr gleichgeschaltet.

Über den Fackelzug am 30.1.33 in Hildesheim berichtet das Volksblatt unter der Überschrift „Nazistrolche schlagen Arbeiter nieder“. Er sei nur „Blendwerk“ gewesen, von lauter auswärtigen Parteigenossen. Dabei kam es zu Gewalttätigkeiten gegen Wehrlose in der Steuerwalder Straße 37. „Wieder versagt die Polizei / Da stimmt doch etwas nicht / Geht das so weiter, dann bleibt nur noch die Selbsthilfe“. Als Antwort schlägt das Volksblatt vor: „Arbeiter organisiert euch“, tretet aktiv den drohenden Gefahren entgegen. Deshalb wird in der Ausgabe vom 1.Februar zu einer „Massen-Demonstration am Sonnabend“ aufgerufen: „16 Uhr, Steingrube....Reichsbannerkameraden, Gewerkschaftler, Parteigenossinnen und –genossen, Sportler, Arbeitersänger, alle Republikaner reihen sich ein in die Abwehrfront“

Am 4.Februar wird eine kommunistische Demonstration in Hildesheim polizeilich verboten; die SPD-Zeitung „Volkswille“ in Hannover wird am 6.Februar beschlagnahmt.
Das Volksblatt spricht zwar noch am 10.Februar 1933 anlässlich der Premiere der „Dreigroschenoper“ von Bert Brecht im Stadttheater von einer „ausgezeichneten und liebevollen Darstellung“, dem „das Publikum (…) lebhaften Beifall“ spendete ). Die HAZ hat dagegen bereits die NS- Begrifflichkeit übernommen, wenn sie die Aufführung als „salonbolschewistische Sumpfblasen“ verunglimpft
Bei der Wiederholung der „Dreigroschenoper“ kommt es übrigens am 16. Februar zu erheblichen Störungen durch faule Eier werfende Nationalsozialisten.
Alle noch erscheinenden Hildesheimer Tageszeitungen sprechen am 28.Februar .anlässlich des Reichstagsbrandes einheitlich von einem „Terrorakt des Bolschewismus“.